home

search

105. Emmanline/Lucien

  Wie peinlich Emmanline sich jetzt berührt fühlte, kehrte sie mit Lucien ins Schloss zurück… in seiner Bibliothek, in seiner H?hle, war er regelrecht über sie hergefallen. Es war nicht so, dass sie sich nicht gegen ihn gewehrt hatte oder es nicht gewollt h?tte. Ehrlich gesagt... sie hatte es genossen. Er hatte sie auf jede erdenkliche Weise verführt und geliebt… und bei all diesen Erinnerungen, die nun in ihr aufstiegen, err?tete sie unwillkürlich, spürte die W?rme in ihren Wangen und das leichte Kribbeln, das noch immer von seiner Berührung zurückgeblieben war.

  ?Wirst du etwas rot?“, fragte Lucien neben ihr amüsiert, w?hrend er ihre Hand hielt und sie beide nebeneinander über das offene Gel?nde des Schlosses liefen. Lucien küsste sie nebenbei lachend auf die Wange, seine Lippen warm und neckend.

  ?Lucien, h?r… auf damit“, wehrte Emmanline schwach ab und sie konnte nicht verhindern, dass ein leichtes genüssliches Seufzen über ihre Lippen kam. Sie versuchte, ihn ver?rgert wegzuschubsen, doch Lucien bewegte sich wie erwartet keinen Millimeter… dieser Drache.

  Trotzdem machte Lucien weiter und lie? sie nicht in Ruhe, w?hrend er sie an der Hand hielt und durch das Tor führte… das tat er in letzter Zeit zu oft, was ihr nicht sonderlich behagte. Nicht, wenn Emmanline überall die Blicke um sich herum spürte… neugierige, prüfende, manchmal sogar missbilligende Blicke. Es sollte ihr nichts ausmachen, aber es tat es dennoch, und das Unbehagen kroch ihr langsam den Rücken hinauf.

  ?Nach all unseren Liebesspielen habe ich einen Mordshunger, dass ich ein ganzes Rind verdrücken k?nnte“, neckte Lucien sie weiterhin und der Schalk sa? in seinen feuerroten Augen, die einen warmen Kontrast zu seinem anderen ?u?eren angenommen hatten. Allein durch seine wild liegenden schwarzen Haare sah er noch verwegener aus als sonst. Es war hoffnungslos, aber Emmanline verzog etwas genierlich das Gesicht… verst?ndnislos, aber er war nun einmal ein Raubtier. ?Für dich gibt es natürlich was anderes“, versprach er.

  ?Ich habe absolut keinen Hunger.“ Sie seufzte ergeben, als er Emmanline hinter sich herschleppte und zum Speisesaal brachte. ?überhaupt keinen.“

  Von Weitem konnte Emmanline schon h?ren, wie sich eine weibliche hysterische Stimme aufregte… eine Stimme, die ihr sogar bekannt vorkam. Lucien schien es nicht anders zu ergehen, denn er seufzte bereits ahnend, als wüsste er genau, was sie gleich erwartete. Das Ganze würde sich zu einem Schauspiel entwickeln, und kaum betraten sie den Speisesaal, bekam sie den perfekten überblick.

  Luciens ?lteste Schwester Ysera war diejenige, die sich anscheinend nicht beruhigen konnte… Lya schien ihr Bestes zu versuchen, aber nach ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, hatte sie es schon l?ngst aufgegeben, sie zu beruhigen. Jetzt sah Emmanline es wieder mit eigenen Augen, wie Drachen in Wirklichkeit waren… aggressive und tobende Kreaturen. Gut, sie hatte gelernt, dass nicht alle so waren, aber in ihnen allen steckte doch noch etwas, das die Kreatur beinhaltete… etwas Wildes, Ungez?hmtes, das jederzeit hervorbrechen konnte.

  Mitten im Raum lie? Lucien ihre Hand los und ging auf seine beiden Schwestern zu… Emmanline konnte nicht anders, als das ganze Geschehen von der offenen Tür aus zu verfolgen. Vermutlich würde das jetzt interessant werden, und etwas in ihr sagte, es k?nnte etwas Entscheidendes ver?ndern… mit gro?er Wahrscheinlichkeit, aber sie konnte es noch nicht deuten, was es genau sein k?nnte.

  ?Was verflucht noch einmal ist hier los?“ Lucien wurde etwas lauter, w?hrend er breitbeinig und mit verschr?nkten Armen vor den Frauen stand, sein Gesichtsausdruck steinern, wütend und verschlossen… seine Haltung strahlte Autorit?t aus, doch in seiner Stimme lag eine Mischung aus Gereiztheit und müder Resignation. Emmanline war von seinem jetzigen Erscheinen beeindruckt.

  ?Ich will, dass du dieses verdammte Miststück aus dem Schloss wirfst!“ Ysera fauchte die Worte, ihre Augen blitzten vor ungezügelter Wut und ihr K?rper komplett angespannt.

  ?Schon gut, ich wei? es. Sowie ich deine Laune und Stimme vernehme, scheint Ruby im Schloss zu sein. Ist es immer das Gleiche, Ysera, wenn ihr zwei euch sehen müsst?“, warf Lucien seiner Schwester vorwurfsvoll zu und er schien keine Geduld dafür zu verspüren.

  ?An mir liegt es nicht, wenn sie andauernd anf?ngt“, beschwerte sich die Drachin lautstark.

  Lucien brummte auf, als kannte er diese Situation mehr als zur Genüge. ?Dann ignoriere sie doch einfach.“

  Im ersten Augenblick verwirrte es Emmanline, in welcher Lage sie sich gerade befand… sie befanden sich mitten in einem Geschwisterstreit, und wie die Situation aussah, war es etwas v?llig Normales. Waren solche Streits und Konflikte wirklich normal?

  ?Das habe ich ihr auch schon einige Male gesagt, Lucien.“ Lya seufzte ersch?pft auf, ihre Stimme klang müde, als h?tte sie diesen Wortwechsel schon unz?hlige Male mitgemacht.

  ?Glaubst du, ich versuche das nicht?“ Ysera knurrte wütend zurück und verschr?nkte ihre beeindruckenden, weiblichen Muskeln vor ihrem gut durchtrainierten K?rper. Irgendwie hatte Emmanline das Gefühl, diese Drachin machte sich keine sonderliche Mühe, es wirklich zu ignorieren… und alle hier in diesem Raum schienen zu wissen, dass dem so war.

  Mit gro?em Gel?chter hinter ihr zuckte Emmanline erschrocken zusammen und wandte sich sofort um… sie blickte in ein amüsiertes Frauengesicht… wundersch?n, wohl bemerkt. Allein ihre Augen verrieten ihren Namen sofort, denn ihre Augenfarbe war das reinste strahlende Rot, das Emmanline je gesehen hatte, und nur ein Rubin-Stein k?nnte solch ein Funkeln entstehen lassen. Dieser Name zu dieser rothaarigen Frau passte mehr als perfekt zu ihr. Ruby…

  ?Oh Bruder, da bist du ja endlich. Ich musste schon das ganze Schloss nach dir absuchen.“ Ruby klang ersch?pft, aber etwas übertrieben, als würde sie eine Rolle spielen, die sie schon hundertmal geübt hatte.

  ?Wohl eher hast du andere nach mir suchen lassen.“ Lucien entgegnete es seiner Schwester, w?hrend er an der Seite von Ruby vorbeiblickte… auch Emmanline wandte sich um. Es überraschte sie doch ein wenig… war das ein Zwerg? Tats?chlich, dies war ein Zwerg. Zwar hatte sie schon einiges von ihnen geh?rt, aber noch nie einen zu Gesicht bekommen oder eher eine Bekanntschaft gemacht. Der Zwerg sah grimmig drein… seine Nase relativ lang und spitz, seine Ohren noch spitzer und l?nger als ihre eigenen. Seine kurzen dunkelbraunen Haare waren ziemlich zerzaust, die buschigen, dicken Augenbrauen wirkten wild, und vermutlich war er nicht sonderlich sauber, aber das konnte sie nicht wirklich erkennen. Aber so schlimm sah er dann doch nicht aus… er war ziemlich rundlich auf seinen kurzen Beinen, doch sie konnte sich vorstellen, dass er ziemlich flink war.

  Stolen content alert: this content belongs on Royal Road. Report any occurrences.

  ?Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du diesen Zwerg wenigstens vorher waschen sollst, wenn du ihn schon mit ins Schloss bringst?“, knurrte nun Lucien wütend auf, dass seine Augen zwischen seinen feuerroten und goldenen Drachenaugen hin und her flackerten.

  ?Ist er doch“, sprach Ruby ohne jegliche Schuld von ihrer Seite… als h?tte alles eine Richtigkeit. Ruby sprach es verwirrt aus, als w?ren Luciens Worte ein Flüchtigkeitsfehler. ?Oder glaubst du, er würde so wundersch?n aussehen wie ich, wenn du ihn w?schst? Ich bitte dich, Bruder. Fenni ist ein Zwerg, und Zwerge sehen nun einmal so aus. Er ist vollkommen sauber. Au?erdem, wenn er neben mir steht, komme ich doch vollkommen zur Geltung. Ich sehe noch hübscher aus, wie ich jetzt erscheine. Das sind gro?e Pluspunkte für mich.“ Sie gluckste leise und selbstzufrieden. Irgendwas stimmte nicht mit dieser Frau, aber Emmanline wusste ihr Verhalten zu erkennen… und sie musste sich ehrlich zugestehen, dies war sehr raffiniert.

  ?Bei den heiligen G?ttern.“ Lucien fuhr mit seiner Hand über sein Gesicht und schaute zur Decke empor, als würde er zu den G?ttern beten, um endlich Erl?sung zu finden… seine breiten Schultern sackten ein wenig herab, als h?tte er diesen Moment schon unz?hlige Male durchlebt.

  ?Ich habe dir gesagt, wirf dieses Miststück heraus, weil sie einen unheimlich auf die Nerven geht“, warf Ysera wieder wutentbrannt vor und deutete mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger auf die rothaarige, l?chelnde Frau.

  ?Och, jetzt bist du aber wieder gemein zu mir, geliebte Schwester.“ Ruby schmollte und zog eine übertriebene Schnute… tat sie das wirklich, oder war es nur wieder eines ihrer perfekt einstudierten Schauspiele?

  ?Ich bin nicht deine geliebte Schwester und h?r mit deinem theatralischen Getue auf. Das nervt h?llisch“, verwarf Ysera entrüstet und ihr zorniger Blick k?nnte vieles vernichten. Davon ging Emmanline durchaus aus.

  ?Jetzt wirst du noch gemeiner“, jammerte Ruby verletzt berührt und legte eine Hand auf ihre Brust, ihr Blick erschüttert.

  ?Eines Tages… ich schw?re es bei allen heiligen G?ttern, ich werde dich im Fluss ertr?nken“, fauchte die wütende Drachin drohend und versprechend.

  Mit einem Mal h?rte Emmanline ein eigenartiges Ger?usch… es schien nicht aufzuh?ren. Es erschien so nahe, aber auch wieder so fern… ein leises, unterdrücktes Prusten, das sich langsam zu einem nicht mehr zurückzuhaltenden Kichern steigerte. Es h?rte einfach nicht auf, und ab da an, wusste Emmanline, dieses eigenartige Ger?usch kam von ihr… denn alle schauten sie blitzartig, schweigend und ungl?ubig an.

  Lucien

  Lucien wusste nicht, was unfassbarer war… der riesige und unm?gliche Streit zwischen seinen beiden Schwestern, der nie enden würde, wenn er sie nicht alle an den Haaren zerren würde, damit sie endlich aufh?rten… nur Schmerzen brachte sie auseinander. Oder… schockierte es ihn am meisten, wenn er Emmanline jetzt ansah? Tat sie das jetzt wirklich, was er jetzt sah und… h?rte? Noch einmal versuchte er, richtig zu h?ren, sogar zu sehen… noch einmal und noch einmal, so oft seine Augen blinzelten.

  ?Sie lacht.“ Alle seine Geschwister um ihn herum keuchten es gleichzeitig.

  W?hrend Lucien nur eines aus seinem Mund sprechen konnte. ?Raus… alle sofort raus.“ Lucien schrie es nicht, er brüllte laut und stark, mit einer Kraft, die den ganzen Saal erzittern lie?. Der Streit zwischen seinen Schwestern war wie weggewischt, und alle stürmten nur noch aus dem Saal hinaus… selbst die Türen krachten regelrecht in ihre Schl?sser, als fürchteten sie eine donnernde Urgewalt, wenn sie sich dem widersetzten.

  Lucien hatte alles ausgeblendet und starrte die Frau, die ihm wichtiger war als alles andere, noch immer verwundert an… aber dann kam die Erkenntnis. Lucien ging mit schnellen Schritten auf sie zu und riss Emmanline, noch w?hrend sie lachte, in seine Arme. Kaum dass er das getan hatte, bebte ihr ganzer K?rper, und sie fing an zu schluchzen… dann brach sie in Tr?nen aus und weinte bitterlich. Nach den Tr?nen brach ein unb?ndiger Zorn und Wut in ihr aus, wo er doch einiges an Kraft aufbringen musste, was nicht wirklich lange anhielt, als Panik über sie herfiel, die sich zur Entt?uschung und Verzweiflung entwickelte. Stetig wuchsen immer mehr Gefühlsver?nderungen in ihr auf, bis es wieder von vorne anfing… Lachen, Weinen, Wut, Zorn, Angst… Mutlosigkeit. Aber vor allem Zerstreuung und Verwirrung. Emmanline hatte einen Gefühlsausbruch, der sich sehr lange hinzog… viele Minuten oder sogar Stunden. Zeit war in dieser Hinsicht bedeutungslos, und Lucien würde sie niemals messen… nicht jetzt.

  Lucien hielt sie solange in seinen Armen, bis sie sich beruhigt hatte… bis ihr Atem wieder ruhiger wurde und ihr K?rper nicht mehr zitterte. ?Was…“ Emmanline versuchte, vergeblich ihre Stimme zu suchen. ?Was… was passiert gerade… mit mir?“ So viel Verwirrung und Verzweiflung klang in ihren Worten mit… er konnte es verstehen.

  ?Ich glaube, du hattest eben einen Gefühlsausbruch“, wisperte Lucien und er konnte diese Frau nur noch an sich drücken… halten, w?hrend er sich ziemlich sicher war.

  ?Einen... Ge... Gefühlsausbruch?“, hauchte Emmanline mit einer tiefen Bestürztheit, was ihn innerlich zerriss und seinen Drachen klagend auf knurren lie?.

  ?Ja“, best?tigte er mitfühlend und Lucien nickte, auch wenn sie es in diesem Moment nicht sehen konnte… seine Stimme blieb ruhig und sanft, als er weitersprach. ?Emmanline, du hast deine Gefühle ein Leben lang unterdrückt, bis sie das Fass zum überlaufen brachten… wie es jetzt der Anschein ist. Sie haben sich endlich eine Bahn aus dir herausgebrochen.“ Und er dankte den G?ttern dafür, dass es endlich passiert war… zugeben musste Lucien es sich selbst… wie oft er daran gedacht hatte, dass dies eines Tages passieren würde. Niemand konnte ewig ohne Emotionen leben… egal ob es Zorn oder Hass waren. Alles geh?rte zu einer Pers?nlichkeit, wie Liebe, Trauer, Angst oder Freude… all dies waren nur Definitionen von einem ganz kleinen Teil dessen, was einen Menschen, Lebewesen oder eine Elfe… ausmachte.

  ?Wird... es wieder wie... vorher werden?“, wimmerte Emmanline etwas wehklagend.

  ?Nein, ich vermute nicht… und wei?t du, ich will es auch nicht. Ich will nicht, dass du wieder wie vorher wirst. Ich will alles von dir und nicht nur das eine.“ Lucien gestand es ihr, auch wenn es hart für Emmanline klingen mochte… nahm sie noch fester in seine Arme, und sie krallte sich verzweifelt an ihn, als w?re er das Einzige, was sie noch hielt. Lucien konnte ihre Panik und Angst f?rmlich aus der Luft greifen… er verstand genau, wie sie sich jetzt fühlte. Es war alles neu und so viele Gefühle auf einmal waren verst?rend, überw?ltigend, fast zu viel, um es zu ertragen.

  ?Verstehe“, murmelte Emmanline das Wort nur beil?ufig. Tat sie das wirklich? Er würde es nicht hinterfragen… er würde für sie jederzeit da sein und sie so lange halten, wie sie es ben?tigte. Jederzeit. ?Ich würde gerne auf unser Zimmer zurück.“ Emmanline bat ihn leise darum, aber da war noch etwas anderes in ihrer Stimme… etwas, das ihn innehalten lie?.

  Unser Zimmer?

  Das nahm jetzt eine ganz andere Richtung an, als Lucien vermutet hatte. ?Sicher doch.“

Recommended Popular Novels