Kapitel 10 – Wenn Schatten zu nah kommen
Die Nacht nach der Begegnung in der Bibliothek hing schwer in der Luft.
Jayden lag wach, sein Herz unruhig wie ein Vogel im K?fig. Der Regen trommelte gegen die Scheibe, das Zimmer war dunkel, und Jonathan atmete ruhig auf dem Bett gegenüber – doch Jayden spürte die Unsicherheit wie einen festen Knoten in der Brust.
Er zog die Knie an sich und versuchte, gleichm??ig zu atmen.
?Du schl?fst wieder nicht“, murmelte Jonathan pl?tzlich, ohne die Augen zu ?ffnen.
Jayden zuckte zusammen.
?Doch… ein bisschen.“
?Jayden.“ Jonathan setzte sich auf, seine Stimme nun wach und fest. ?Du atmest, als würdest du gleich ohnm?chtig werden.“
Jayden wollte widersprechen. Doch seine Stimme brach, bevor ein Wort entstand.
Jonathan stand auf, kam zu ihm und setzte sich an den Bettrand.
?Ich bin dein Bruder. Wenn jemand dich so fertig macht, dann betrifft mich das genauso.“
Jayden senkte den Blick. Die Worte trafen ihn st?rker, als er erwartet hatte.
Doch bevor er antworten konnte, vibrierte Jonathans Handy.
Er sah auf das Display – und sein Gesicht ver?nderte sich sofort.
?Was ist los?“ flüsterte Jayden.
Jonathan z?gerte, dann drehte er das Handy um.
Er geh?rt nicht euch.
Jayden erstarrte. Seine Finger wurden kalt.
?Das ist…“
?Akira“, sagte Jonathan ruhig. Doch in seiner Stimme lag etwas Dunkles.
Jaydens Atem wurde flach.
?Er wei?, wo wir wohnen?“
Jonathan stand abrupt auf.
?Ich hole Chen.“
?Nein!“ Jayden griff nach seinem Arm. ?Nicht jetzt. Nicht in der Nacht. Wenn er merkt, dass wir Angst haben…“
Jonathan musterte ihn lange.
?Jayden. Du bist mein bester Freund. Ich lasse dich da nicht allein durch.“
Ein stilles, zerbrechliches Danke lag zwischen ihnen – unausgesprochen.
Am n?chsten Tag
Jayden versuchte, normal zu sein.
Zu l?cheln.
Zu atmen.
Doch jedes Mal, wenn sein Handy vibrierte, zuckte er wie unter Strom.
Chen bemerkte es sofort.
Beim Frühstück, zwischen zwei L?ffeln Müsli, sagte er leise:
?Du hast kaum geschlafen, oder?“
Jayden schüttelte nur den Kopf.
Chen beugte sich leicht vor. Seine Stimme war ruhig – aber klar.
?Jay, wenn er dich wieder anschreibt, sagst du es mir sofort. Ich lasse das nicht eskalieren.“
Jayden nickte.
Doch die Angst blieb. Wie ein Faden, der sich immer enger zog.
Der Fehler, allein zu bleiben
Am Abend trennten sich ihre Wege.
Jonathan ging in den Lernraum.
Chen ins Training.
Jayden in die Bibliothek.
Er wollte nicht st?ren.
Nicht hysterisch wirken.
Er wollte nur, dass es endlich aufh?rt.
Es wurde dunkel, als er seine Sachen zusammenpackte.
Das Licht flackerte leicht, als er den Flur betrat.
Leer.
Still.
Zu still.
Dann vibrierte sein Handy.
Dreh dich um.
Jaydens Herz setzte aus.
Langsam drehte er sich.
Nichts.
Dann erneut eine Nachricht.
Ich sehe dich.
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Die Luft wurde dünn. Sein Puls h?mmerte in seinen Ohren.
Er rannte los. Ohne Richtung. Nur weg.
Er prallte gegen jemanden.
?Jayden!? Was machst du hier? Ich hab—“
Jonathan.
?Er schreibt mir wieder“, flüsterte Jayden. Seine Stimme brach.
Jonathan nahm das Handy, seine Augen wurden schmal.
?So. Es reicht.“
Er griff Jaydens Hand und zog ihn Richtung Aula, dorthin, wo Menschen waren.
Doch Jaydens Schritte wurden langsamer.
?Ich… ich kann nicht mehr“, hauchte er. ?Ich will nicht mehr Angst haben.“
Jonathan blieb stehen und legte ihm eine Hand in den Nacken.
?Du bist nicht schwach, Jay. Du bist übermüdet. Und überfordert. Das ist etwas anderes.“
Jayden schloss kurz die Augen.
Für einen Moment hielten ihn diese Worte zusammen.
Doch dann ?ffnete sich eine Tür.
Langsam. Knarrend.
Und Akira trat heraus.
Jayden fror ein.
Jonathan stellte sich sofort zwischen sie.
?Du bleibst weg von ihm.“
Akira sah nicht Jonathan an.
Er sah nur Jayden.
?Ich will verstehen, warum du mich ausgeschlossen hast“, sagte er leise.
?Warum du vor mir wegl?ufst.“
?Akira…“ Jayden schluckte. ?Bitte, geh einfach.“
Akiras Augen flackerten.
?Ich wollte dir nichts B?ses. Aber du… hast mich stehen lassen.“
Jonathan trat einen Schritt vor.
?Du interpretierst Dinge, die nie da waren.“
Akiras Blick glitt zu ihm. Kalt.
?Du h?ltst ihn von mir fern.“
In diesem Moment hallten schnelle, harte Schritte durch den Flur.
Chen.
Er blieb stehen, als er die Szene sah:
Jonathan vor Jayden.
Jayden zitternd.
Akira angespannt.
Etwas flackerte in Chens Augen.
?Akira“, sagte er ruhig. ?Genug.“
Akira l?chelte schwach.
?Der Retter wieder.“
Chen trat n?her.
?Ich will keinen Streit. Aber du h?rst jetzt auf. Du l?sst Jayden in Ruhe. Verstanden?“
Akira sah ihm direkt in die Augen.
Sein Blick war nicht wütend.
Er war verletzt. Zerrissen.
Und gerade das machte ihn gef?hrlich.
?Ihr glaubt, ich gebe auf“, flüsterte er.
Er sah Jayden an.
?Ich sehe mehr, als ihr denkt.“
Dann ging er.
Nicht rennend.
Nicht drohend.
Nur langsam.
Leise.
Wie ein Schatten.
Erst als er verschwunden war, schien der Flur wieder heller zu werden.
Jaydens Knie gaben nach. Jonathan fing ihn sofort auf.
Chen war im n?chsten Moment bei ihnen.
Er legte Jayden eine Hand auf den Rücken, seine Stimme weich.
?Jay… du bist sicher. Ich bin hier. Alles gut.“
Jaydens Atem ging viel zu schnell.
?Ich… ich kann nicht mehr…“
Chen sah ihn an – und sein Blick zerbrach ein wenig.
Er zog Jayden in die Arme.
Fest.
Warm.
Schützend.
Jonathan legte beruhigend eine Hand auf Jaydens Schulter.
?Du bist nicht allein. Nie.“
Jayden presste die Stirn gegen Chens Schulter. Tr?nen liefen lautlos.
Er hatte Angst.
Aber nicht nur davor, was Akira tun k?nnte.
Sondern davor, wie sehr er Chen brauchte.
Wie sehr er Jonathan brauchte.
Wie sehr alles in ihm gerade riss –
und gleichzeitig nach Halt schrie.
Und irgendwo drau?en, im Dunkeln, stand Akira still.
Wartend.

